Rad am Ring 2017

„Boah, echt? 24h als Einzelfahrer? Haaaaammmmeeeeerrrr.“ Keine Frage, 24h als Einzelfahrer klingt erst mal sehr beeindruckend, aber wer mich kennt weiß, dass ich eher der Genussfahrer als der Rekordbrecher bin. Was nicht ausschließt, dass ich alles gebe und im Endeffekt ja auch alles geben habe.

2012 und 2013 bin ich die RFT auf der Nordschleife gefahren und als mein Kumpel Kai irgendwann mit dem Vorschlag kam, die Nordschleife als Einzelfahrer zu fahren, habe ich auch erst mal gesagt: „Ja, drehst du jetzt komplett durch, oder was?“

Aber seine Argumentation war überzeugend, denn wer sagt denn, dass man 24h durchfahren muss? Davon abgesehen, kann man fahren und pausieren wann man will, ohne auf jemanden anderen Rücksicht zu nehmen. Streitereien, wer denn z. B. in den Sonnenunter- bzw. Sonnenaufgang fahren darf, sind damit ausgeschlossen. Also zugesagt und ab dafür.

So ging es am Freitag den 28. Juli mit Kai, Kais Papa Horst, mir und Wohnwagen Richtung Grüner Hölle. Horst bot sich als Fahrer und Service-Chef für die Tour und das Wochenende an, was er mehr als perfekt gemacht hat. Horst hat sich dann auch noch für die RTF am Sonntag angemeldet und ist zwei Runden mit dem E-Bike gefahren.

Unsere Parzelle war kurz vor der Mercedeskurve und wir waren ziemlich zufrieden mit dem Platz. Alles lief total reibungslos. Was ich schon 2012 und 2013 so empfand; der Nürburgring fühlt sich immer wie eine große Familie an, sehr angenehm, überall freundlich und total unkompliziert.

Ach ja, da der Wohnwagen für drei Leute dann doch zu klein war, hatte ich ein Zimmer im Ort. Zu Fuß man gerade 15 Minuten, kein Problem.

Startunterlagen bei den Boxen geholt und nochmal über die, gegenüber 2013, deutlich vergrößerte Expo gelaufen. Dann noch den Zeitfahrern beim Start zugeschaut, lecker Nudelsalat von Kai gegessen, ein Freibier getrunken und ab in die Falle. Wer weiß, wie viel Schlaf wir in den nächsten Stunden noch bekommen 🙂

12:22 Uhr war der Start der 24 Stunden Fahrer, egal ob Einzelfahrer, 2er, 4er oder auch 8er Teams. Vorher gingen die Jedermänner über die Strecke von 25, 75 oder 150 Kilometer. Btw; Ramona aus Harsefeld, die zum ersten Mal auf dem Nürburgring fuhr (und überhaupt erst das zweite Mal auf dem Rennrad saß), fuhr die 25km Runde, verpasste die Ausfahrt und, wie Frauen nun mal so sind, fuhr einfach noch eine Runde weiter 😀

Nürburgring; Mythen, Geschichten, Legenden. Ist mir eigentlich scheißegal, denn ich bin kein großer Motorsportfan und penne bei der Formel 1 schon meistens nach 3 Runden, spätestens nach 5 Runden ein (Top-Schlafmittel). Aber, hast du einmal den Ring betreten, dann hat dich die Faszination gepackt und läßt dich nicht mehr los. Kann man nicht beschreiben, muss man erlebt haben.

Wenn du vom Grand Prix Kurs in die Nordschleife fährst, dann ist das so, als wenn du in eine andere Welt eintauchst. Beim Hatzenbach geht’s gleich los mit einer traumhaften Abfahrt, bei der locker 60km/h erreicht werden. Breite, glatte Strecke, links und rechts alles grün und nur das Geräusch des Windes und der Reifen auf dem Asphalt sind zu hören. Spätestens jetzt hat’s einen gepackt.

Da es bis zur Quiddelbacher Höhe, ein kleiner, scheinbar unbedeutender Anstieg, fast nur abwärts geht, ist fast jeder Fahrer versucht eben diesen kleinen unscheinbaren Anstieg mit der Geschwindigkeit der Abfahrt Hocheichen mit Kette rechts zu nehmen. Keine Frage, der eine oder andere Fahrer schafft das auch, der Rest wird jedoch auf der Hälfte brutal abgebremst, denn die Quiddelbacher Höhe ist zwar nur sehr kurz, aber auch eines der steilsten Stücke der Nordschleife, wenn nicht sogar das steilste Stück. Und dann passiert’s, schmerzende Ketten- und Schaltwerkschreie durch das schnelle Schalten der Fahrer unter Höchstlast. Nicht wenige verlieren hier oder etwas später ihr Schaltwerk. Die Geräusche dort sind wirklich äußerst brutal. Nicht umsonst meinte der Sprecher bereits am Start: „Vergesst an der Quidelbacher Höhe nicht zu schalten“ 🙂

Ich habe hier schon sehr früh zurückgeschaltet, um möglichst viel Kraft zu sparen, denn als Einzelfahrer frühzeitig in den roten Bereich zu fahren ist keine gute Idee. In den ersten Runden, besonders in der Startrunde, ist man von vielen Fahrern umgeben, da halt auch noch alle Jedermänner auf der Strecke sind. Das entspannt sich erst nach ein paar Runden und dann hat man Platz satt auf dem Ring.

So fährt man dann auch mit guter Geschwindigkeit und reichlichem Begleitschutz über den Flugplatz und das Schwedenkreuz in die berühmte Fuchsröhre. An keiner anderen Stelle auf dem Nürburgring bekommt man eine höhere Maximalgeschwindigkeit als in der Fuchsröhre. Allerdings sollte man in der ersten Runde hier nicht zwingend alles in die Pedale hauen was möglich ist, denn wie gesagt, in der ersten Runde herrscht hier noch viel Traffic.

Trotzdem, erfahrene Ringfahrer wissen auch, dass gerade jetzt die Höchstgeschwindigkeit aller Runden erreicht werden kann, da man durch die vielen Fahrer extrem vom Windschatten profitiert. Auch ich habe mich zwar, aus meiner Sicht, zurückgehalten, bin nicht mit allem was geht in die Fuchsröhre gefahren und habe meinen Körper nicht in eine extrem windschnittige Position gezwungen, trotzdem habe ich die Maximalgeschwindigkeit der ersten Runde nicht mehr erreicht.

Auch anschließend geht es über den Adenauer Forst bis zum tiefsten Punkt Breidscheid bei Kilometer 9 fast ausschließlich bergab. Das Gefälle betrug bis hierhin bis zu 11%. Jo, wenn die Runde hier vorbei wäre, dann wäre der Ring wirklich easy going, aber wo man runterfährt, muss man irgendwann auch wieder hochfahren.

An der Ex-Mühle bekommt man schon mal einen kleinen Vorgeschmack. Ein kurzes, aber sehr steiles Stück. Von nun an geht es fast 5km mit bis zu 17% Steigung Richtung Hohe Acht, dem höchsten Punkt der Nordschleife. Aber erstmal geht es relativ human nach oben.

Kurz vor dem Kesselchen wird’s dann nochmal steiler mit bis zu 11%, und das zieht sich so weiter bis zum Caracciola Karussell, wo man für ein paar hundert Meter bei leichtem Gefälle verschnaufen kann. Innerlich hat man eigentlich genug von den Steigungen, aber man sagt sich: „Hör auf zu jammern, es könnte schlimmer kommen.“ Und es kommt schlimmer. In dem Moment, wenn die Beine sagen: „Es reicht jetzt“, türmt sich vor einem die Hohe Acht auf, mit der bereits angesprochenen Steigung von 17%.

Ungläubig schaut man zur Schaltung, klemmt irgendwie, will nicht weiter nach links aufs große Ritzel. Ne, wie auch, da ist nix mehr. Links und rechts verzerrte Gesichter, lautes Atmen, aber kein Jammern. Ja, der eine oder andere Fahrer schiebt hier sein Rad hoch, aber das ist auch keine Schande. Der Weg bis zum Gipfel scheint sich endlos zu ziehen. Ein Blick auf den Garmin zeigt eine Geschwindigkeit von ca. 7km/h, das ist kurz vorm Umfallen.

Kräfte sparen, den roten Bereich vermeiden funktioniert hier nicht mehr, sonst geht’s nicht mehr voran. Aber langsam kommt der große blaue Bogen, der den Gipfel beschreibt, näher. Und dahinter hatten die Organisatoren von Rad am Ring die beste Idee überhaupt; die Verpflegungsstelle wurde direkt auf der Hohen Acht errichtet.

Puh, geschafft. Pause und enorme Glücksgefühle. Viele Teamfahrer fahren weiter, sie müssen sich ja erst vom Nachfolger abklatschen lassen, bevor sie an der Pazelle ihre Pause machen können. Auch ein Vorteil als Einzelfahrer, denn ich brauche niemanden ablösen.

Verpflegung hier oben an der Hohen Acht ist super. Neben vielen süßen Krams gibt es auch eine deftige Wurst, die ich mir auch in jeder zweiten Runde gönne. Dann geht’s weiter auf den zweiten Abschnitt der Strecke, der sich mit leichten Steigungen und Gefällen abwechselt, bis es an der Döttinger Höhe auf die lange Gerade Richtung Ziel geht.

Nach der Verpflegungsstelle an der Hohen Acht sieht man hier und da einen Fahrer, dem wohl die Verpflegung nach der heftigen Anstrengung auf den Magen geschlagen hat und der sich hängend über die Leitplanke erleichtert. Auch machte einem hier der heftige Wind zu schaffen, besonders auf der langen Geraden. Aber wir wollen uns nicht über das Wetter beschweren, denn abgesehen vom Wind, war das Wetter ein Traum. Nur im ersten Drittel der 7. frühmorgendlichen Runde, trug ich eine Windweste, ansonsten ausschließlich in kurz/kurz.

Es ist etwas ganz besonderes, wenn man mit dem Rennrad so berühmte Stellen wie Brünnchen oder den Schwalbenschwanz fährt. Man hat einfach mehr Zeit diese Stellen zu genießen und spürt den Asphalt natürlich in den eigenen Beinen. Jeder Streckenabschnitt hat so seine Eigenarten, das ist aber ja beim Motorsport nicht anders.

Kurz vorm Ende der Nordschleife geht es nochmal nach oben durch den Tiergarten und dann auf die Start- und Zielgerade. Kurz dahinter haben wir dann unsere erste Runde beendet und sind wieder an unserer Pazelle. Boah, war das geil. Kurze Pause und auf geht’s auf die zweite Runde.

Insgesamt fahre ich an diesem Samstag 6 Runden. Das sind ca. 156 km und 3000 hm. Die letzte Runde fahre ich in die Nacht hinein. Ein tolles Erlebnis und ich bin von meiner neuen Lupine-Straßenlampe total begeistert. Auf dem Helm noch eine Pico für die Kurven bei den Abfahrten, perfekt.

Nach der Runde ist es knapp vor 23:00 Uhr und ich entscheide, dass es für mich an dem heutigen Tag die letzte Runde ist. Meine Knochen haben bis jetzt super mitgespielt, aber ich möchte das nicht auf die Spitze treiben. Außerdem ist morgen auch noch ein Tag, an dem die Hohe Acht bezwungen werden will. Also fix umgezogen und ab aufs Zimmer und in die Falle.

Wecker ist auf 05:00 Uhr gestellt. Als ich aufstehen will habe ich das Gefühl, als wenn meine Beine ans Bett gefesselt wären. Oh man. Egal, schnell unter die Dusche und wieder ab zum Ring. Dort angekommen schlägt Kai auch gerade die Augen wieder auf; er ist am Vortag 9 Runden gefahren.

Tolles Erlebnis bei aufgehender Sonne auf dem Ring zu fahren und was für ein traumhaftes Wetter. Die 6 Runden vom Vortag stecken mir noch in den Beinen, was’n Wunder, aber es läuft trotzdem relativ gut. An den Steigungen schalte ich immer weit runter und mach sehr langsam, um die Kräfte so gut wie es geht einzuteilen.

Nach der ersten Runde am Sonntag wird dann erst mal gefrühstückt. Service-Chef Horst begeistert uns mit Spiegeleibrot und frischem Kaffee, dann geht’s wieder auf die Strecke, diesmal zusammen mit Horst.

Der Plan von Kai und mir lautet um 11:15 Uhr an der Pazelle zur letzten Runde treffen, um dann gemeinsam nach der letzten Runde durchs Ziel zu fahren. Um 09:45 Uhr bin ich nach der zweiten Sonntagsrunde wieder an der Pazelle und im ersten Moment nicht ganz sicher, ob ich noch eine Runde einschiebe oder einfach bis 11:15 Uhr die Beine hochlege und pausiere. Ach Scheiße, denk ich und sage zu Horst: „99% im Arsch ist doch auch nix, wenn dann muss man zu 100% am Ende sein.“ Horst lachte und ich machte mich auf den Weg. Nicht sicher, ob das so eine gute Idee war, denn ich wollte unbedingt die letzte Runde drehen um die Zielflagge zu sehen.

Auf dieser 3. Bzw. 9. Gesamtrunde traf ich dann noch bei der Döttinger Höhe auf der Geraden Thorsten aus Harsefeld, der im 4er Team fuhr und ziemlich happy war, dass diese 5. Gesamtrunde seine letzte war. „Gleich sehe ich das Dorinth-Hotel, dann weiß ich, dass ich es geschafft habe. Die Hohe Acht hat mich in dieser Runde in die Knie gezwungen, aber geil ist’s schon hier.“

Um 11:17 Uhr war ich dann wieder an der Pazelle. Kai war schon da und wir freuten uns gemeinsam auf die letzte Runde. Diesmal wollte ich an der Hohen Acht gar nicht halten, sondern gleich weiter und Kai schaute mich mit Banane im Mund und großen Augen an. Also kleine Pause und ab ging’s Richtung Ziel. Da ich keine Kräfte mehr einsparen brauchte, ging ich an den Steigungen jetzt auch mal aus den Sattel und legte hinten ein kleineres Ritzel auf. Das lief, zu meiner Überraschung, besser als gedacht.

Die letzten Meter Richtung Ziel sind dann einfach Gänsehaut pur. Was für ein Glücksgefühl beim Durchfahren der Ziellinie. Ich musste kurz dran denken, wo ich noch vor drei Jahren zur gleichen Zeit war, und jetzt fahre ich nach 10 Runden Nordschleife über die Ziellinie als Einzelfahrer bei Rad am Ring. Ja, das Leben ist schön.

Noch ein paar Fotos und dann ging’s wieder ab nach Hause. Horst hatte schon alles für eine schnelle Abfahrt vorbereitet, denn wir hatten ja noch gutes Stück zu fahren.

Eines halte ich noch für erwähnenswert; trotz 8500 Teilnehmer, verteilen sich diese immer sehr gut auf der Strecke, besonders nach den Jedermannrennen, so dass ich weder in eine brenzlige Situation gekommen bin, noch eine gesehen habe. Man hat einfach sehr viel Platz und muss sich vor den Kurven einfach frühzeitig umschauen. Trotzdem ist der Krankenwagen ein paar Mal ausgerückt und stand immer an Stellen, für die man schon gut geübt sein sollte, wenn man diese mit Vollgas durchfährt. Ob es dort an falscher Selbsteinschätzung gelegen hat oder nicht, kann ich allerdings nicht sagen.

Wie sehr Kai und ich immer noch von diesem megageilem Hammerwochenende geflasht sind zeigt alleine die Tatsache, dass es bei uns auch eine Woche nach dem Event immer nur das eine Thema gibt: Die grüne Hölle 🙂

Es gibt definitiv nix vergleichbares auf der ganzen Welt, nicht für Motor- und nicht für Radsportler. Kai und ich fiebern jetzt schon dem 27. Juli 2018 entgegen; das Wochenende Rad am Ring 2018. Allerdings werde ich (versuchen) eine Sache nicht mehr zur Hohen Acht raufzufahren; die überflüssigen 3 Kilo um die Hüfte. Dann wird’s hoffentlich ein kleines bisschen einfacher. 😉

Thomas Tremmel

Btw; die meisten Bilder mit mir und von den Impressionen stammen, mit freundlicher Genehmigung, von Sportograf. Mit Abstand der beste Fotoservice bei Rad- und Laufveranstaltungen den ich kenne. Alleine für die Bilder lohnt sich schon die Mitfahrt bei Rad am Ring.